Die Mitte erschliessen

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Die Wallfahrt bildet seit frühen Zeiten der Geschichte eine andere Form des Reisens. Jahrhunderte lang war sie neben dem Handel die Hauptform, in der Menschen ihre Städte und Dörfer verließen und neue Regionen kennen lernten.

Die Motivation einer Wallfahrt war und ist immer in erster Linie religiös.

Bei einer Wallfahrt macht sich in der Regel eine Gruppe auf den Weg mit einem festen Programm von religiösen Handlungen, liturgischen Feiern und dem Besuch bestimmter Orte. Oftmals konzentriert sich eine Wallfahrtszeit auf wenige Wochen im Jahr, z. B. um ein Fest herum.

Klassisches Beispiel hierfür sind die großen Wallfahrtsfeste der Juden im Alten Testament (Paschafest, ungesäuerte Brote, Laubhüttenfest, Neujahrsfest, Jom Kippur, Tempelweihfest)

Bei Pilgerfahrten handelte es sich in der Regel eher um Reisen von Einzelpersonen. Die Grenzen zwischen Wallfahrt und Pilgerreise sind aber fließend, die Begriffe werden abwechselnd benutzt.

Das frühe Christentum kennt Wallfahrten noch nicht. Die Erinnerung an Jesus war zu lebendig, die Freude über das durch ihn erfahrene Heil zu unmittelbar, als dass Wallfahrten nötig gewesen wären. Als erste waren es einzelne Kirchenväter, die in das heilige Land pilgerten, um sich vor Ort von der Wahrheit der biblischen Überlieferung zu überzeugen (Meliton von Sardes, Origines u. a.)

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Verschiedene Umstände führten allmählich zur Ausbildung der Pilgerfahrt ins Heilige Land (Entdeckung des Heiligen Grabes, der Geburtsgrotte, Anerkennung des Christentums durch Kaiser Konstantin). Heilig-Land-Pilger wollten an Ort und Stelle die wichtigen Stationen im Leben Jesu miterleben, den Ereignissen besonders nahe sein. So wurden in Jerusalem die einzelnen Etappen der Passion Jesu, zeitgerecht am jeweiligen Tag zur jeweiligen Stunde und am entsprechenden Ort gefeiert. Das bestätigt die Feier des österlichen Triduums (Gründonnerstag, Karfreitag, Osternacht), die sich noch heute teilweise an diesen Feierlichkeiten der Pilger in Jerusalem orientiert, etwa die Karfreitagsliturgie. Wir sind zuverlässig über den Ablauf dieser Feierlichkeiten unterrichtet, da schriftliche Aufzeichnungen einiger Pilger darüber noch vorhanden sind. Die bekannteste und bedeutungsvollste unter ihnen ist das Itinerar (= Reisetagebuch) der Pilgerin Ätheria (oder Egeria) aus dem 4. Jahrhundert, das es möglich machte, die zeitgenössische Liturgie in Jerusalem zu rekonstruieren. Dieser Pilgerbericht spielte sogar eine Rolle für die Liturgiereform nach dem II. Vatikanischen Konzil.

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Ab dem 14. Jahrhundert lockte die Ausrufung heiliger Jahre mit dem entsprechenden Jubiläumsablaß immer mehr Menschen nach Rom. Seit dem Spätmittelalter war bei Wallfahrten nach Rom der Besuch der sieben Hauptkirchen in Rom eine Selbstverständlichkeit. So wurde zunehmend auch die Erlangung eines Ablasses zum Motiv für Pilgerreisen. An den großen Pilgerstraßen wurden Pilgerhospize errichtet. Es entwickelte sich eine regelrechte Infrastruktur, die der Beherbergung und Versorgung der Pilger diente. Einzelne Orte erhielten einen hohen Rang, weil dort bedeutende Reliquien oder Kreuzpartikel verehrt wurden.

Im deutschsprachigem Raum spielte die Wallfahrt nach Köln eine große Rolle, ja Köln versuchte nach der Überführung der angeblichen Gebeine der Heiligen Drei Könige und wegen der dortigen Verehrung des Petrusstabes und der Petrusketten nahezu zu einem zweiten Rom zu werden.

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Mit der Reformation nahm interessanterweise auch die Zahl der Wallfahrten rapide ab. In diese Zeit fällt auch die vorübergehende Stagnierung der Wallfahrt nach Vierzehnheiligen nach der Zerstörung der dortigen Kapelle während der Bauernkriege (1525).

Die Gegenreformation versuchte im Barock das Wallfahrtswesen neu zu beleben. Jetzt wird die Wallfahrt deklariert zu einer spezifisch katholischen Frömmigkeitsform, sie erhält konfessionellen Bekenntnischarakter. Zahlreiche Wallfahrtskirchen (auch Vierzehnheiligen) geben Zeugnis von der Relevanz dieser Frömmigkeitsform.

Dennoch wurden in der Aufklärung sogar von katholische Landesherrn die Wallfahrten unterbunden oder eingeschränkt, oft mit fadenscheinigen Begründungen.

Erst im 19. bis in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahm das Pilgerwesen wieder einen neuen Aufschwung. Jetzt war es Ausdruck eines katholischen Protestes gegen die Rationalität der Hochmoderne und gegen eine als übermächtig empfundene evangelische Obrigkeit (etwa im Deutschen Bund von 1815 bis 1866 und im späteren Kulturkampf). Nun nahmen vor allem die Marienwallfahrten einen enormen Aufschwung. Statt Reliquien standen nun Erscheinungsorte und Gnadenbilder im Vordergrund. Moderne Verkehrsmittel, wie z.B. die Eisenbahn, erleichterten das Pilgern und machten Wallfahrten möglich, an denen auch Kranke teilnehmen konnten.

International bildeten Lourdes und Fatima, national in Deutschland Altötting, Kevelaer, Vierzehnheiligen, in Österreich Mariazell und in Polen Tschenstochau wichtige Ziele.
Zu neuem Leben erwachten Wallfahrten auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, oft waren sie Antwort auf eine allzu rationalistische Theologie und Liturgie nach dem 2. Vaticanum. Menschen gehen auf Wallfahrt, die intensiver Liturgie und Kirche erleben möchten. Jüngere Menschen faszinieren zunehmend Wallfahrten auch als Wege der Sehnsucht und als Wege der Selbstfi ndung in einer Welt, in der so viel aus dem Gleichgewicht geraten ist. Auch sportliche Motive spielen eine Rolle.

Bei jungen Leuten spielt etwa an Orten wie Taize insbesondere auch das geistliche Erleben oder die Begegnung mit einer charismatischen Persönlichkeit eine Rolle. Wallfahren bleibt eine andere Form des Reisens bis in unsere Zeit. Interessanterweise nehmen an Wallfahrten auch Menschen teil, die sonst kirchlichem Leben eher reserviert gegenüberstehen. Alte Traditionen (evtl. auch ein Gelübde) erweisen sich als tragende Säulen der Wallfahrt. Das Wallfahren versteht sich aber auch als Weg der Sinnsuche. Pilgern hilft vielen, sich wirklich als Menschen mit Leib und Seele zu erleben und ihre eigene oft so verlorene Mitte wieder zu fi nden.

Geben Wallfahrer damit uns nicht besser als jede Theologie Zeugnis von einem Glauben, der nicht nur Verstandessache ist, sondern den ganzen Menschen betrifft? Sind sie damit - um es mit Jesus zu sagen - doch nicht „fern vom Reich Gottes“ (vgl. Mk 12, 34)?

+ P. Ernst Fischer