Gott suchen kann ich auf vielen Wegen,
finden werde ich ihn dort, wo ich liebe.  

Christa Carina Kokol

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Geistliche Impulse

NOTFALL SYRIEN - Bericht aus Syrien

Wie geht es den Brüdern und ihren Gemeinden dort?

"Während wir uns dem Weihnachtsfest nähern mit dem Propheten, den wir in diesen Tagen des Advents hören, und wie die Lesungen des Sonntags "Gaudete" ('Freuet Euch') bestätigen, möchte ich mich eigentlich mit einer freudigen Nachricht melden", so schrieb mir am 15.12.2013 der Kustos aus Jerusalem, Pater Pierbattista Pizzaballa, der Obere der franziskanischen Ordensprovinz des Heiligen Landes, zu der auch die Franziskanerklöster und die Brüder in Syrien gehören.

"Leider und wieder einmal muss ich aber Ihre Aufmerksamkeit auf die zunehmend schwierige Situation in unseren beiden letzten christlichen Dörfern in der Gegend des Orontes-Flusses in Syrien lenken. Der Norden Syriens ist nun mehr und mehr fest in den Händen von extremen Rebellen, während die sogenannten "moderaten" Kräfte an Einfluss verlieren. Die Rebellen, die "unsere" Gegend kontrollierten und die bisher als tolerant angesehen wurden, sind durch extreme Gruppen ersetzt, die in ihren "Emiraten" die Anwesenheit von Nicht-Muslimen nicht wollen. Die letzten Befehle, von denen unsere Brüder berichten, sind: Alle Kreuze müssen verschwinden. Es ist verboten, die Kirchenglocken zu läuten. Alle Statuen müssen entfernt werden. Frauen dürfen das Haus nicht verlassen, ohne ihr Gesicht und die Haare zu bedecken.  

Im Falle der Verweigerung, diese Befehle zu befolgen, wird das islamische Recht angewandt. Wer dies nicht akzeptiert oder weggeht, wird liquidiert. Diese Anordnungen beziehen sich auf die Orte Knaye, Yacoubie und Jdeideh (südwestlich von Aleppo), in denen zur Zeit unsere Franziskanerbrüder arbeiten. Genau dies hat sich im letzten Juni in Ghassanie ereignet. Ein Hinweis für diejenigen, die diese Gegend nicht kennen: In diesen Orten leben ausschließlich Christen. Ich lade alle ein, für alle Gemeinschaften in Syrien zu beten, besonders für jene, die unter der Kontrolle dieser Extremisten leben...

Wir beten, dass die Herzen dieser Menschen offen sind zum Hören und besonders beten wir, dass unsere kleine Herde in Syrien fortfahren kann, auf den Herrn zu vertrauen, ohne Furcht." Soweit der Bericht des Kustos aus Jerusalem.  

Die Lage für die Christen in Syrien und für alle Menschen dort, die unter dem Krieg zu leiden haben, verschlechtert sich immer mehr. "Es war der schwierigste Tag meines Lebens und ich habe mich ihm mutig entgegengestellt, indem ich mich ganz Gott anvertraut und ihn gebeten habe, mir die richtigen Worte für meine Gläubigen zu geben an dem Tag im Juni 2013, an dem ich die Beerdigungsmesse im Franziskanerkloster in Ghassanieh/Syrien für den dort kurz zuvor ermordeten Priester Francois Murad zu feiern hatte." So beschrieb der syrische Franziskaner Pater Firas seine Erfahrungen über seinen Einsatz in den Franziskanergemeinden südwestlich von Aleppo, in denen er auf Bitten des Kustos den dortigen Pfarrer in den Monaten von April bis September 2013   vertreten hat, nachdem die Rebellen die Orte Knaye, Yacoubie und Ghassanie im Tal des Orontes-Flusses überrannt hatten und das Kloster in Knaye bombardiert worden war. Das Innere der Kirche wurde verwüstet, Bänke und Statuen wurden zerstört, der Tabernakel war offen. Inzwischen wurde diese Kirche in eine Moschee "umfunktioniert".  

"Es waren Gewehrschüsse, die ihn umgebracht haben", so Pater Firas weiter. "Neben dem Körper des Ermordeten standen drei bewaffnete Männer. An ihrem Akzent konnte ich leicht erkennen, dass sie keine Syrer sind. Sie haben mir auch von einem Tschetschenen berichtet, der sich noch im Gebäude befinde und weiter auf den armen "Abouna Francois" schimpfe. Zum Glück hat er mich nicht gesehen, sonst hätte er auch mich umbringen können."

Währenddessen befanden sich im oberen Stockwerk des Klosters drei Rosenkranz-Schwestern, die voller Angst und Sorge die Lage verfolgten. Die Nachricht über den Tod von "Abouna Francois" löste bei der kleinen christlichen Gemeinden vor Ort Entsetzen aus. "Während der Beerdigung", so Pater Firas weiter, "ist es nicht leicht gewesen, die richtigen Worte zu finden, die nicht als Botschaft zugunsten der Regierung oder der Rebellen hätten ausgelegt werden können. Ich bin auf keiner Seite, nur auf der Seite des Herrn und meiner Brüder, die syrische Bürger sind und die als solche das Recht haben, diesen Grund und Boden zu bewohnen und mit Würde im eigenen Land zu leben." So berichtet Pater Firas weiter.  

Die Gegend des Orontes-Tales wird von Rebellen kontrolliert. Von den drei dortigen   Franziskanerpfarreien ist die Lage in dem Ort Ghassanieh am dramatischsten. Hier befinden sich viele Qaeda-Milizen, meist Ausländer afghanischer und tschetschenischer Herkunft. Im Ort Yacoubieh sind Rebellengruppen, die überwiegend aus Syrern bestehen und häufig untereinander im Streit liegen. Die Gegend von Knaye wird hauptsächlich von der sog. freien syrischen Armee kontrolliert, auch wenn es hier nicht an Elementen fehlt, die die Sharia aufzwingen wollen. "Als ich im April 2013 in Knaye angekommen bin", berichtet Pater Firas weiter, "habe ich eine schreckliche Situation vorgefunden. Fast jede Nacht war ich gezwungen aufzustehen, um nachzusehen, ob jemand von den Raketen, die immer wieder auf das Dorf fielen, verletzt und getötet worden war. Es sind etwa 300 Christen, die sich entschieden haben, in diesem Ort auch nach dem Abzug der offiziellen syrischen Armee zu bleiben. Es sind Menschen, die sich auf keine Seite stellen wollten, auch wenn die Regierung sie für Komplizen der Terroristen hält und die Rebellen meinen, dass sie als Christen mit dem Regime verbunden seien. Zudem entführen die Oppositionsgruppen, wenn sie Geld brauchen, gerade die Christen."  

Die Bewohner des Dorfes haben nichts mehr, wovon sie leben könnten: viele haben ihre Arbeit verloren und den Bauern wurde die Ernte gestohlen. Zum Glück konnten die armen Familien auf die Solidarität des Franziskanerklosters St. Josef zählen. Jeden Monat verteilen die Brüder Mehl, Reis und Zucker und bieten jedem, der in Not ist, ihre Gastfreundschaft an, egal welchen Glaubens er ist. "Unser Kloster hat sogar Alawiten und Sunniten zusammen beherbergt und damit Versöhnung ermöglicht", schreibt Pater Firas weiter. "Viele kommen auch nach Knaye wegen der liebevollen Behandlung durch Schwester Patrizia, eine italienische Schwester des Heiligen Unbefleckten Herzens Mariens. Trotz fehlender Medikamente und der schrecklichen Bedingungen, in denen sie lebt, hat Schwester Patrizia beschlossen, in Syrien zu bleiben, um Krankheiten zu heilen und die Tränen all derer zu trocknen, die ihrer Hilfe bedürfen. Viele Muslime legen etliche Kilometer zurück, um sich von ihr behandeln zu lassen, denn sie sind davon überzeugt, dass ihre Hände gesegnet sind."  

"In Syrien wird zu Lasten unschuldiger Bürger ein Krieg ausgefochten. Jeder Tag verursacht größeres Leid, Bitterkeit, Tote und Zerstörung. Aber wir dürfen nicht das Vertrauen in die Zukunft verlieren und mutig den Anfang eines neuen Tages erwarten", so P. Firas. Die Präsenz der Franziskaner in Syrien reicht fast 800 Jahre zurück in die Zeit des hl. Franziskus, der auf dem Matten-Kapitel 1217 in Assisi die Provinz des Heiligen Landes gründete. Sie umfasste Ägypten, Palästina, Jordanien, Syrien den Libanon, die Türkei, Zypern und einen Teil von Griechenland. Bereits in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts kamen einige Brüder nach Syrien. Am 15. Februar 1233 sandte Papst Gregor IX. eine Gruppe von Franziskanern mit einem Empfehlungsschreiben an den Emir von Aleppo. In einem weiteren Brief aus dem Jahre 1238 übertrug Gregor IX. den Brüdern die Seelsorge an den Tempelrittern, die in der Zitadelle von Aleppo gefangen gehalten wurden. Im Jahre 1289 und später im Jahre 1557 wird berichtet, dass Franziskaner als Märtyrer in Syrien gestorben sind.

Ein schwerer Schlag für die Franziskaner in Damaskus war im Jahre 1860 der Aufstand der Drusen, deren Zorn sich gegen die Christen entlud. Unter den Hunderten von Todesopfern im christlichen Viertel der Stadt waren auch acht Franziskaner, darunter der Tiroler Pater Engelbert Kolland.  

Im November 2013 schrieb mir ein Mitbruder aus Damaskus: "Für die Christen, die in der Minderheit sind, ist das Leben sehr schwierig. Es herrscht das Recht der Stärkeren. Sehr häufig werden Menschen entführt im Austausch gegen ungeheuer hohe Lösegeldforderungen. Viele Muslime stehlen in den Häusern und niemand kann ihnen etwas sagen. Sie besetzen Häuser und Grundstücke und die rechtmässigen Eigentümer können ihren Besitz nicht betreten. Als die Opposition diese Gegend besetzte, hat man zunächst versprochen, die christliche Religion zu respektieren, aber nachfolgend beginnen sie immer mehr, die Freiheit zu begrenzen. Die Verantwortlichen der Opposition wollen mit Gewalt den Islam und das Gesetz der Sharia einführen für alle. In der Nähe von Damaskus hat ein fanatische Gruppe von Muslimen bekanntgegeben, dass der Islam sich nur durch das Schwert verbreite und dass man nun barbarischen Zeiten entgegengehe.  

In der Apostolischen Nuntiatur sind vor kurzem Bomben gefallen und haben Sachschaden verursacht. Zwei Bomben sind im Stadtteil "Bab Tuma" ('Tor des Thomas') gefallen. Am 3. November 2013 sind drei Bomben im Bereich unserer Pfarrkirche St. Franziskus in Aleppo-Azizie gefallen: eine auf das Dach der Bibliothek, eine auf das Katechetenzentrum und eine dritte neben der Kirche, wo die Gläubigen gerade aus der hl. Messe kamen. Viele Ärzte haben das Land verlassen; die Mediziner werden immer seltener. Die Lebensmittel werden immer teurer. Von Damaskus nach Aleppo gibt es nur noch eine Strasse, die durch die Wüste führt; es dauert 10 Stunden; sie ist unsicher.  

Trotz des Krieges leben und arbeiten zur Zeit 11 Franziskaner in Damaskus (St. Antonius von Padua und in der Gedenkstätte "Bekehrung des hl. Paulus" im Stadtteil Tabbaleh), in  Aleppo St. Antonius von Padua und St. Franziskus, in der Gegend des Orontes-Flusses (im Bezirk Idlib) (an der türkischen Grenze) in den drei Pfarreien Ghassanieh, Knaye und in Yacoubieh sowie in der Hafenstadt Lattakia, vorwiegend in der Pfarrseelsorge und in der Jugendarbeit.

In der Stadt Aleppo steht seit mehr als 30 Jahren die große Schule „Terra-Santa-College“ leer (wie auch die meisten anderen christlichen Schulen), die sich dem politischen Druck nicht gebeugt haben. Die Franziskaner in Syrien, im Libanon und in Jordanien bilden wegen der politischen Verhältnisse die „Region St. Paulus“ mit einem eigenen Regionaloberen in der franziskanischen Ordensprovinz des Heiligen Landes („Kustodie des Heiligen Landes, Jerusalem“). Seit dem Beginn des Krieges in Syrien haben die Franziskaner in ihren Klöstern Unterkünfte bereitgestellt, in denen etwa 200 Menschen schlafen können und die mit dem Notwendigsten versorgt werden (Lebensmittel, Kleidung, Medikamente), etwa 400 Personen täglich. Jeden Monat kommen etwa 50 Familien, die eine Wohnung suchen.

"Während der zweieinhalb Jahre des Krieges", so schreibt der Kustos in seinem Aufruf, "haben wir dank der Großzügigkeit vieler Menschen viel Hilfe bekommen. Ihre Spende kann den Menschen in Syrien wirklich helfen. Syrien war immer eine Kornkammer für die Welt, aber nun benötigt Syrien selber Hilfe."  

                                                                    Werner Mertens OFM, Werl. 18.12.2013


Spendenkonto: 

"Hilfe für Christen in Syrien": Kommissariat des Heiligen Landes, Werl:

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Kt. 55 050 400 BLZ 472 603 07

Bank für Kirche und Caritas, Paderborn

Vermerk: "Christen in Syrien"


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