Gott suchen kann ich auf vielen Wegen,
finden werde ich ihn dort, wo ich liebe.  

Christa Carina Kokol

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April 2017

Der Not(en)helfer auf der Orgelbank

 

(Dieser Beitrag ist der etwas überarbeitete Artikel von Matthias Einwag, erschienen am 10.01.11 im Fränkischen Tag, S. 14.)

Der studierte Kirchenmusiker Hubert Reinhard ist im Hauptberuf Versiche-rungskaufmann. In Vierzehnheiligen springt der Baunacher stets dann als 15.Nothelfer ein, wenn wegen vieler Gottesdienste ein zweiter Organist notwendig wird.

 
Hubert
 

Hubert Reinhard ist Kirchenmusiker. An der Fachakademie in Regensburg machte der 55-Jährige einst die B-Prüfung für Kirchenmusiker. Heute bestreitet der Baunacher seinen Lebensunterhalt zwar als Versicherungskaufmann, doch seine Liebe zum Orgelspiel hat darunter nicht gelitten. Es ist eine Herausforderung für ihn geblieben, dem Instrument all das zu entlocken, was in ihm steckt. Auf der Orgel zu spielen ist seine Passion – sei es auf einer kleineren wie in Mürsbach, Zapfendorf und Baunach oder auf der großen Orgel in Vierzehnheiligen. Denn in der Wallfahrtsbasilika ist Hubert Reinhard seit gut einem Jahr nebenamtlicher zweiter Organist. Er unterstützt den Basilikaorganisten Georg Hagel immer dann, wenn einer allein zeitlich überfordert wäre.

Das mit Vierzehnheiligen, erzählt Hubert Reinhard, habe sich mehr zufällig ergeben. Genau lässt sich das gar nicht mehr rekonstruieren. Vielleicht hat ihn ja auch einer der 14 Nothelfer gerufen. Irgendwann jedenfalls fragte P. Dominik Lutz, der damalige Guardian des Franziskanerklosters, bei Hubert Reinhard an, ob er aushilfsweise in Vierzehnheiligen Orgel spielen möchte. Da ließ er sich nicht zweimal bitten. Schließlich ist Vierzehnheiligen nicht irgendeine Dorfkirche. Seit 1990 hilft er immer dann aus, wenn es eng wird im Dienstplan, etwa im Sommer, wenn sich die Wallfahrer im Stundentakt ablösen. Mit der Zeit wurden es mehr und mehr Termine; die Freundschaft mit Georg Hagel wuchs, und beide Organisten ergänzen sich. Dass der gebürtige Baunacher nach dem Studium in Regensburg und der Anstellungen als Kirchenmusiker und Musiklehrer in der Benediktinerabtei Rohr und im Schuldienst in Markt Schwaben wieder in die alte Heimat zurückkehrte, hat finanzielle Gründe, bekennt er. Das Leben im Speckgürtel um München sei schlicht zu teuer geworden für normal verdienende Menschen.

 „Ich kann auch was anderes“ , sagte sich Hubert Reinhard, als er merkte, dass er von der Kirchenmusik allein dort nicht leben kann. Und weil das Jammern nicht seinem Naturell entspricht, reagierte er flexibel, zog aus Oberbayern weg nach Oberfranken und sattelte um: Aus dem studierten Kirchenmusiker wurde ein versierter Versicherungskaufmann.

Orgelspielen ist für ihn jedoch mehr als nur ein Hobby. Dabei ist es ihm egal, ob er an der Orgel von Vierzehnheiligen sitzt oder an einem bescheideneren Instrument einer Dorfkirche. Natürlich schwärmt er von der voluminösen Basilikaorgel, die mit der Bamberger Domorgel vergleichbar ist: „Die Orgel von Vierzehnheiligen ist der Ferrari unter den Orgeln.“ Doch das Instrument allein macht noch keine Musik. Die Kunst des Organisten ist es, die Melodien alter Meister lebendig werden zu lassen, aber auch moderne Literatur im Repertoire zu haben. Meist hat Hubert Reinhard mehrere Notenhefte unterm Arm, wenn er eine Kirche betritt. In seinem Auto, sagt er, hat er stets zahllose Werke dabei – die ganze Bandbreite der Literatur vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Oft springt er ein, hilft aus. So kommt es häufig vor, dass er improvisieren muss, denn manchmal erfährt er erst kurz vor Spielbeginn, was sein Publikum erwartet, welche Stücke von ihm gewünscht werden.

Das sei aber eine Herausforderung, sagt er lächelnd, auf die er sich gern einlasse. Sein Auto als fahrende Bibliothek habe ihm da schon oft wertvolle Dienste geleistet; sein Auto ist – so gesehen – eine sichere Bank. „In Vierzehnheiligen ist man immer gefordert“ , fügt er an, „hier muss man stets präsent sein, denn auf ein Hochamt kann umgehend eine Wallfahrermesse folgen oder eine Meditation“ . Gut, dass er seine „mobile Notenbank“ stets dabei hat. Orgel spielen ist für Hubert Reinhard sehr erholsam. Sogar das Üben ist Entspannung. Zehn bis zwölf Stunden pro Woche übt er. Das sei wie beim Fußball: Wenn ein Bundesligakicker sechs Wochen nicht spielt, roste er ein. „Beim Üben komme ich auf andere Gedanken“ , sagt er, das sei für ihn ein Ausgleich, eine Möglichkeit Kraft zu schöpfen.

Ein Organist muss nicht allein auf überlieferte Orgelliteratur zurückgreifen. Mit ein wenig Phantasie und Kreativität lassen sich manche Rockklassiker von Michael Jackson, von Queen oder von den Beatles auf der Orgel spielen. Bei privaten Orgelkonzerten für den Freundeskreis probiere er gern Neues aus. So zum Beispiel im vergangenen Jahr zusammen mit Georg Hagel: Die Kirchenmusiker spielten gleichzeitig auf den beiden Orgeln der Basilika – und was die Musiker erfreute, fand auch beim Publikum Anklang. Auf die Frage nach seinen Lieblingsstücken antwortet Hubert Reinhard ohne lang nachzudenken knapp und prägnant: „Ich habe keine Lieblingsstücke. Ich versuche immer, die Orgelliteratur zu erweitern.“ Was er damit meint, erklärt der begeisterte Radsportler so: Als er mit seiner Rennradtruppe Mallorca bereiste, fand er in der Kathedrale zu Palma einen Band mit spanischen Orgelwerken des Komponisten Bernardo Julia. Er las sich ein und kam zum Schluss, das Klangbild könnte für Vierzehnheiligen passen. Und weil spanische Orgelmusik in Franken eher selten zu hören ist, machte er ein Konzert für seine Radsportfreunde daraus. „Das war für mich eine Bereicherung, und zugleich eine Herausforderung wie im Sport“ , kommentiert er das Ergebnis.

In Vierzehnheiligen, fährt er fort, könne der Organist manchmal spontan aufs Publikum reagieren. Sitzen mehr Jüngere unten in den Bänken, dürfe der Organist schon modernere Stücke spielen. Beispiel: Als die FCN-Fans in der Basilika einen Dankgottesdienst feierten, weil der Club nicht abgestiegen war, flocht er, auf den heiteren Anlass eingehend, ein Stück von Queen ein: „We are the Champions“. Natürlich sei nicht auf jeder Orgel alles möglich. Es komme schon vor, dass er ein Brautpaar angesichts der technischen Möglichkeiten des Instruments in der Dorfkirche bremsen muss, sagt Hubert Reinhard. Der ehemalige Bezirksoberligafußballer, der einst wegen seiner äußerlichen Erscheinung schon einmal mit Rudi Völler verwechselt wurde, greift zu einem Vergleich aus der Welt des Motorsports: „Stellt euch vor, ihr habt Michael Schumacher eingeladen, damit er seine Fahrkunst vorführt, aber ihr gebt ihm dafür nur einen Trabi.“


Qualifikationsstufen der Kirchenmusiker

Kirchenmusiker: Die berufliche Qualifizierung gliedert sich in vier Stufen.

D-Prüfung: Diese Qualifikation besitzen Kirchenmusiker mit Ausbildung im Kirchenkreis, früher „Hilfskirchenmusiker“ genannt.

C-Prüfung: Diese Prüfung legen Musiker nach dem etwa zweijährigen Besuch eines C-Seminars oder nach einem Studium an einer Kirchenmusikschule mit nachfolgendem C-Abschluss für den Nebenberuf ab; in Bayern ist dieser Abschluss jedoch auch durch den Besuch einer  Berufsfachschule für Musik zu erwerben.

B-Prüfung: Dafür ist ein vierjähriges Studium an einer Kirchenmusikschule, Musikhochschule oder Akademie für den hauptberuflichen Dienst erforderlich.

A-Prüfung: Diese Prüfung wird von jenen Musiker verlangt, die ein vier- bis sechsjähriges A-Studium hinter sich haben oder ein Zusatzstudium für B-Kirchenmusiker absolvierten und die den hauptberuflichen Dienst an einer Hauptkirchen mit besonderen künstlerischen Schwerpunkten anstreben. 


Quelle: Wikipedia