Fastenpredigt am 2. Fastensonntag

Im fränkischen „Bethlehem“, der Basilika Vierzehnheiligen, steht die diesjährige Fastenpredigtreihe unter dem Leitwort „Passionslieder und ihre Geschichte“. In der zweiten Predigt rückte eines der eindrucksvollsten Karfreitagslieder in den Mittelpunkt: „O Haupt voll Blut und Wunden“. Der evangelische Kirchenlieddichter Paul Gerhardt übersetzte 1656 den lateinischen Hymnus „Salve caput cruentatum“ ins Deutsche. Lange Zeit galt Bernhard von Clairvaux als Verfasser, heute wird der Textzyklus Arnulf von Löwen zugeschrieben. Die Melodie wiederum geht auf ein weltliches Liebeslied von Hans Leo Haßler zurück. Einzelne Strophen wurden von Johann Sebastian Bach in der Matthäuspassion verwendet, wobei Bach die Auswahl und Reihenfolge der verwendeten Strophen selbst traf. Die erste Aufnahme in ein katholisches Gesangbuch fand das Lied bereits 1706 – und ist seither aus der Passionsliturgie nicht mehr wegzudenken. Zur fastenzeitlichen Vesper begrüßte Guardian Maximilian am Sonntagnachmittag zahlreiche Gläubige. Die Predigt hielt Wortgottesdienstleiter Michael Magner aus Coburg. Sehr persönlich schilderte er seine frühe Prägung durch das Lied: „Schon als Kind hat mich ‚O Haupt voll Blut und Wunden‘ fasziniert. In unserer Pfarrei wurde die Passion immer wieder von Passionsliedern unterbrochen. Das hat die Worte für mich vertieft und lebendig gemacht“. Magner lud die Zuhörer ein, sich gedanklich an den Straßenrand der Via Dolorosa zu stellen: Jesus, gezeichnet von der Marter, mit der Dornenkrone auf dem Haupt, das Kreuz auf den Schultern. „Er bleibt stehen – und wir sehen ihm ins Gesicht. Halten wir diesen Anblick aus? Oder wenden wir uns ab?“ Genau hier setze das Lied an, so der Prediger. Es wolle verhindern, dass Menschen wegschauen. Wer schon einmal Dornen geschnitten habe, wisse, wie schmerzhaft selbst kleine Stiche seien. „Welch unvorstellbarer Schmerz muss dann eine Dornenkrone verursachen?“ Das Lied fordere dazu auf, dem entstellten Gesicht Christi nicht auszuweichen, sondern ihm bewusst zu begegnen: „Gegrüßet seist du mir.“ Einen Menschen zu grüßen bedeute, ihn anzusehen, ihn wahrzunehmen – nicht achtlos vorüberzugehen. Wer Christus so anschaue, bleibe kein distanzierter Beobachter. Er werde Teilhaber am Geschehen, sehe die Qualen und beginne mitzufühlen. Das Gesicht eines Menschen eröffne Beziehung. In den Evangelien sei spürbar, welche Ausstrahlung von Jesus ausgegangen sein müsse – eine Würde, die Vertrauen weckte und Menschen wie Zachäus anzog. Und doch beschreibt Gerhardt dieses Antlitz als entstellt und geschunden. Warum wurde Jesus so zugerichtet? Und was hat das mit uns zu tun? Der Prediger machte deutlich: Wer in das leidende Gesicht Christi blickt, könne sich der eigenen Verantwortung nicht entziehen. „Wer hat dein Augenlicht, dem sonst kein Licht nicht gleichet, so schändlich zugericht?“ – diese Frage treffe ins Herz. Christus mit ausgebreiteten Armen am Kreuz sei Einladung und Auftrag zugleich: Schuld einzugestehen, neu zu beginnen und an der Seite der Leidenden zu stehen. „Wenn Menschen, Tiere oder die Schöpfung gequält werden, dann sehen wir im Anderen das geschundene Antlitz des Herrn“, sagte Magner. Gott stelle sich auf die Seite der Schwachen – und rufe die Gläubigen, es ihm gleichzutun. So werde besonders die sechste Strophe zum Appell: schützen, beistehen, Unrecht benennen, standhaft eintreten für die Bedrängten. „Es ist an uns, hinzusehen und nicht wegzuducken. Das Haupt voll Blut und Wunden weist uns auf die Missstände dieser Welt hin – und ruft uns, stark zu sein für die Schwächsten“.
Die nächste Fastenpredigt unter dem Titel „Passionslieder und ihre Geschichte“
findet am Sonntag, 3. März, um 14 Uhr in Vierzehnheiligen statt.
Dann stellt Pfarrvikar Sebastian Heim aus Breitengüßbach–Kemmern
das Passionslied „Herzliebster Jesu“ (GL 290) in den Mittelpunkt.